Promotionsprojekt II

Der diasporische Mensch: Transfer und Zirkulation aufklärerischer Humanitäts- und Gemeinschaftsentwürfe in der neueren haitianischen Literatur (Arbeitstitel)

Im Zentrum dieses Promotionsprojekts steht die Frage, inwiefern sich der aufklärerische Humanismus wandelt, wenn er auf eine spezifisch diasporische und extrem fragmentierte Gemeinschaft wie in Haiti stößt. In welcher Weise zeigen die aktuellen Literaturen aus Haiti und der Diaspora Potentiale und Grenzen neuer Humanitäts- und Gemeinschaftsentwürfe im Sinne von pluraler Transhumances (Dalembert 2010, Eze 2001) auf? Der Fokus wird auf Haiti gelegt als dem ersten Land, das den Gleichheitsgedanken auf eine Sklavenhaltergesellschaft anwandte, in der Deportation, Versklavung und Befreiungskrieg um 1800 die wichtigsten Gemeinschaftserfahrungen der Bevölkerung waren, die ansonsten sehr heterogen war und bis heute multiethnisch ist. Haiti wird zum ersten außereuropäischen Ort einer ‚angewandten Aufklärung‘, einer „radical Enligtenment“ (Nesbitt 2008), deren Fortwirken hier genauer erforscht wird, und zwar in dreierlei Hinsicht: zum einen werden die auf der Basis aufklärerischer Werte entwickelten neuen Gemeinschaftsentwürfe betrachtet, zum zweiten wird die Konstruktion von Eigenem und Gemeinschaft mit Blick auf die synkretistische Religionspraxis untersucht und zum dritten wird die Anknüpfung an den Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts bei der Ausbildung neuer Humanitätskonzepte und der Idee des „diasporischen Menschen“ analysiert.

1. Neue Gemeinschaftsentwürfe – vom Contrat social zur Konvivialität? Das Trauma der Verschleppung, Versklavung und Dehumanisierung traf in Haiti auf die aufklärerischen Ideen einer egalitären Gesellschaft, von Menschenwürde und Humanität. Dieses Trauma setzt sich fort mit dem bis in die jüngste Zeit reichenden Gewaltherrschaften nach der Revolution; Romane wie La Contrainte de l‘inachevé (2006) von Anthony Phelps, La couleur de l’aube (2008) von Yannick Lahens, Saisons sauvages (2010) von Kettly Mars oder La belle amour humaine (2011) von Lyonel Trouillot legen davon Zeugnis ab. Der theoretisch universell ausgerichtete égalité/liberté-Diskurs sah sich konfrontiert mit einer Praxis der Sklaverei und des Widerstandes schwarzer Menschen. Für die ‚haitianische Aufklärung‘ drängt sich so die Frage auf, welches andere Verständnis des Contrat social und welches Gemeinschaftsethos sich daraus entwickelt haben. Europäisch ausgerichtete Theorien der Gemeinschaft (Gertenbach u.a. 2010, Augé 2015) können nur bedingt Anwendung finden, da Sklaven in der Regel aus einer solchen Geschichte als Subjekte ausgeschlossen sind (Broeck 2006). Zu fragen ist, auf welches Gemeinwohl und auf welche Citoyenneté die haitianische volonté générale abzielt angesichts der Erfahrung eines ‚rechtsfreien Raumes‘ und der brüchigen Genealogien der Nachkommen von Sklaven. Für die aktuelle Literatur wird untersucht, welche Gesellschaftsentwürfe sich aus dem Kontakt mit der Aufklärung ergeben und in welchem Bezug diese zu den historischen Entwürfen der Aufklärung stehen. Die frankokaribische Theorie der Kreolisierung bietet hierfür einen epistemologischen Rahmen, der ein anderes Verständnis der Menschenrechte, Kernstück aufklärerischer Humanität, erkennen lässt, „das die relationalen Dimensionen konvivialer Transversalität ins Zentrum rückt und die Prinzipien der Verbundenheit und Interdependenz umfasst“ (Gutiérrez Rodríguez 2011). 1Gerade die Literatur Haitis markiert dabei die Grenzen der Aufklärung und das Umschlagen in Gewaltherrschaft (vgl. Ueckmann 2014a und 2014b; Borst 2015). Die Distanznahme vieler haitianischer Autoren gegenüber Konzepten wie Créolité/Créolisation oder Konvivialität hängt mit der spezifischen haitianischen Geschichte zusammen, erste Schwarze Republik gewesen zu sein, eine in Lebenspraxis umgesetzte Négritude avant la lettre. Doch dieser Revolutionsbegriff, ein genuin haitianischer mythe fondateur (vgl. Fischer 2004), ist kontaminiert durch die seit 200 Jahren anhaltenden Diktaturen. Angesichts dieses ‚aufgeklärten‘ jakobinischen Despotismus stellt sich für Haiti in besonderer Weise die Frage nach der Dialektik der Aufklärung. Für die aktuelle Literatur ist zu fragen, ob es seit Ende der Duvalier-Diktaturen 1986 und zugespitzt nach dem Erdbeben 2010 eine neue literarische und memorielle Reaktion gibt. Das Aufdecken der versteckten Involviertheit der heutigen bürgerlichen (Mulatten-)Klasse in die Verstrickungen der Diktatur, wie sie z.B. Mars und Trouillot beschreiben, macht eine erneute Auseinandersetzung mit der Aufklärung nötig.

2. Religion als Konstruktion von ‚Eigenem‘ und Gemeinschaft: Es soll weiter untersucht werden, ob man von einer spezifischen ‚kreolischen Aufklärung’ sprechen kann, die nicht nur die Vermischung von europäischen, afrikanischen, asiatischen und kreolischen Sprachen und Kulturen, sondern auch unterschiedliche Ausdrucksformen von Religiosität und Spiritualität (wie Voodoo und synkretistische Glaubensformen) umfasst? Das Ineinandergreifen der Emanzipation des Subjekts durch den Gebrauch der kritischen Vernunft und durch die Praxis des eigenen und importierten Glaubens ist charakteristisch für Haiti und die karibische Region. Die Religion wirkt so weniger normativ im Sinne eines ordnenden Gesellschaftsprinzips, als vielmehr als Rückbindung an das verlorene pays natal und als Erinnerung an eine (imaginäre) Authentizität. Sie dient so der Konstruktion von ‚Eigenem‘ für das Individuum, die soziale Gruppe und die Gemeinschaft. Glaube und Wissen scheinen sich in der europäischen Aufklärung auszuschließen, in der haitianischen Transformation bedingen sie sich gegenseitig. Damit verbunden ist auch die Frage nach der religiösen Gemeinschaft, denn neben die politische Gesellschaftsordnung tritt hier nicht die jenseitsorientierte Ordnung der christlichen Kirche, sondern eine synkretistische und lebensbezogene Gemeinschaft (Spaemann 2008).

3. Neuer Kosmopolitismus: Vom „citoyen de l’univers“ zum diasporischen Menschen: An Haitis Geschichte zeigt sich schon sehr früh der Versuch, einen ‚verwurzelten‘, partikularen, ethisch fundierten Kosmopolitismus zu denken. Die Encyclopédie definiert den „Cosmopolitain, ou Cosmopolite“ (1751, IV, 297) als „un homme qui n’a point de demeure fixe, ou bien un homme qui n’est étranger nulle part“, als „citoyen de l’univers“, wobei dieser Eintrag mit dem Begriff „philosophe“verbunden ist. Die aufklärerische Idee des Kosmopoliten, des Vernunft geleiteten europäischen Weltbürgers bzw. Philosophen wandelt sich im Durchgang durch die karibische Erfahrung zur Idee des kreolisierten Menschen mit flexiblen kulturellen Identifizierungen und zum diasporischen Menschen als Weltbürger einer imaginären Gemeinschaft. Ein solcher Kosmopolitismus läuft nicht mehr Gefahr, als imperiales Mittel zu gelten (vgl. Golub 2010). Der aktuelle cosmopolitain turn („rooted cosmopolitanism“ [Appiah 2006], „Afropolitanismus“ [Mbembe 2014], „decolonial cosmopolitanism“ [Mignolo 2011], Another cosmopolitanism [Benhabib 2006]) soll anhand der neueren haitianischen Literatur und im engen Austausch mit der haitianischen Academy validiert werden, um so die epistemische Gewalt in der Tradition des Kosmopolitismus (vgl. Kozlarek 2011: 50) mitzudenken.

  1. Die kolonial erzwungene heterogene afro-haitianische Gesellschaft hat sich erweitert zu einer weltweiten haitianischen Diaspora-Gemeinschaft, nicht zuletzt aufgrund der terreur im eigenen Land (Mars 2010). Während der fast 30-jährigen Herrschaft des Duvalier-Clans exilierten viele bedeutende Schriftsteller/innen Haitis: René Depestre, Louis-Philippe Dalembert (Frankreich), Dany Laferrière, Émile Ollivier, Joël Des Rosiers, Marie-Célie Agnant (Québec). Aber auch in Haiti verbliebenen Autoren wie Jean-Claude Fignolé, Frankétienne, Yanick Lahens, Kettly Mars, Lyonel und Evelyne Trouillot oder Gary Victor verstehen sich als Teil einer „littérature en migration“ (Dalembert 1998), die weit über den nationalen Kontext hinausweist (Arthur/Dash 1999; Marty 2000; Jonassaint 2002; Chemla/Costantini 2007; Sourieau/Balutansky 2004; Spear 2007; Dalembert/Trouillot 2010; Ménard 2011).