Promotionsprojekt I

Der menschliche Körper: von der aufklärerischen Konkretion bis zur Körpermythik in der antillanischen Literatur (Arbeitstitel)

Ein zentrales Thema der europäischen Aufklärung ist die Leib-Seele-(„corps-âme“-) Problematik. Diese Dichotomie ist schwer auf einen semantischen Nenner zu bringen; so fasst Antoine de Baecque (in Delon 1997/2007, 308-310) die breite Polysemie des Begriffs „corps“ im Siècle des Lumières zusammen. Was genauer den menschlichen und tierischen Körper anbelangt, lassen sich jedoch einige epistemische Intentionen klar benennen. Im Zusammenhang mit einem medizinischen Erkenntnisinteresse stellt man den Gedanken an die Seele in den Hintergrund und bemüht sich um Erkenntnis im Hinblick auf anatomisch genaue Kompositionalität und individuelles Funktionieren der Organe (vgl. Artikel „corps“ in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert, IV, 1754, 261-269). Genaue anatomische Kenntnis wird nicht nur unersetzliche Wissensvoraussetzung von Arzt und Chirurg, sondern auch für Philosophen, darstellende Künstler und andere Berufe (vgl. Artikel „anatomie“, Encyclopédie, I, 1751: 409-411). Der medizinische Diskurs der Aufklärung zum Körper ist ein wesentlicher Teil des anthropologischen Diskurses (Platner 1772/2000, 1783 u. 1790, Košenina 1989, Schott 1998, Zelle 2001, Naschert/Stiening 2007).

Diese europäisch-rationale Vorstellung des Körpers wird – gleichzeitig mit einer in vieler Hinsicht philosophisch „geordneten“ Vorstellung von Seele – noch im ausgehenden 18. Jahrhundert in die Karibik transportiert. Der Arztberuf ist bis heute auf den Antillen hochgradig prestigetragend; gerade auf Haiti hat das Medizinstudium an europäischen Universitäten im reichen Bürgertum Tradition. Dem europäischen medizinisch-rationalistischen Konzept stehen auf den Antillen traditionellerweise populärmedizinische und mythische Körperkonzepte entgegen. Auf Martinique und Guadeloupe ist sogar heute noch die Vorstellung anzutreffen, das zentrale Organ des Menschen sei der „boukyèt“ in der Brust, eine Art Strauß, der bei schlechtem Befinden zu Seite geneigt ist und dann wieder aufgerichtet werden muss. Bei vielen Gebrechen wird traditionell ein Kräuterheilkundiger bzw. magischer Heiler aufgesucht, der neben Kräutern besondere magische Produkte verabreicht und auch rituelle Heilungszeremonien durchführt. In den karibischen Kreolgesellschaften schließt die eine Konzeption die andere nicht unbedingt aus: Arzt- und Kirchenbesuch hindern nicht den gleichzeitigen Gang zum „Doktè Fèy“ oder zum „Gadèdzafè“. Dem aufklärerischen Geist wie von der katholischen Kirche erscheint der antillanische Synkretismus von aufgeklärt-rationalen, christlichen und „magischen“ (in Haiti insbesondere: Voodoo-) Elementen unzulässig; etwa die berühmte Figur des „Zombi“ impliziert ja gerade eine Verweigerung gegenüber der europäischen Vorstellung, dass der Tod unwiederbringlich den Tod des Körpers impliziert.

Diese Transfer- und Vermittlungsprozesse sind prägend für die moderne antillanische Literatur und sollen in diesem Teilprojekt genauer untersucht werden. Die Körper-Seele-Thematik wird zum Ort der Austragung einer Auseinandersetzung mit europäisch-aufklärerischen Vorstellungen und identitären Positionierungen, zur Chiffre für den Konflikt zwischen und für die Verschränkung von rationalem und magischem Weltbild. Ästhetisch wird so die Möglichkeit eröffnet, an orale, dunkle, irrationale Erzählwelten der europäischen Tradition ebenso wie an den hispano­amerikanisch geprägten realismo mágico anzuknüpfen. Die Beispiele sind vielfältig. In Patrick Chamoiseaus Roman Biblique des derniers gestes sind es Heiler-Zauberer, die aussagen, Kinder würden auf die Probe gestellt, um einen Bruch zu erzeugen, der „für andere Modelle der Dinge öffnet“ (2002, 271). Zu nennen sind neben Voodoo-Zitaten in der haitianischen Literatur (z.B. in Gary Victors Roman Les cloches de la Brésilienne, 2006) in jüngster Zeit etwa die konkurrierenden Heilungsversuche der Tochter des bourgeoisen Protagonisten in Raphaël Confiants Werk Les Saint Aubert (2012); auffällig ist hier inszeniert, wie die Mutter der jungen Patientin nach den erfolglosen Versuchen der europäischen Mediziner mit ihrem – in einen Heilerfolg mündenden – Besuch bei einem alten indischen Magier die Welt der europäischen Ratio verlässt. Eine besondere Wendung erfährt diese Problematik in Kettly Mars’ aktuellem Roman Je suis vivant (2015): nach dem Erdbeben und der Cholera-Epidemie in Haiti 2010 wird mit der Schließung der psychatrischen Klinik der schizophrene Alexandre zurück in seine Familie integriert, was für alle befreiend – „heilend“ – wirkt und Alexandres Traum-Vorstellungen zumindest ein Stück weit rehabilitiert; damit verändert sich auch die Haltung dem Körper gegenüber, wenn z.B. Alexandres Schwester, eine erfolgreiche Malerin, sich nun weg von der ‚Nature morte’ und hin zum nackten menschlichen Körper wendet.