Postdoc-Projekt

Die Postdoc-Stelle dient dem eigenen Arbeitsprojekt, übernimmt unterstützende organisatorische Aufgaben und gewährleistet so den Zusammenhalt und die Kohärenz des Gesamtprojekts mit.

Fiktionalisierung und Wissensorganisation im neueren frankokaribischen Roman.
Das Recht auf unzuverlässiges Erzählen und die Spuren der Enzyklopädie
(Arbeitstitel)

Die Rezeption der Aufklärung hat bisher oft die Figuren des Edlen Wilden thematisiert, der zu einer kulturrelativis­tischen Sicht der frankophonen Literatur geführt hat, wie sie auch in der Aufklärung selbst angelegt ist (Laennec 1988, Diderot 2001a-c, Baysson 2003, Hofmann 2001, Hölz 2002, Nell 2004, Todorov 2006, Mondot 2007, Riesz 2008). Zugleich wurde eine orientalisierende Wissensproduktion über den Anderen und dessen Umwelt, die Südsee, die Karibik oder Persien etc. in Gang gesetzt, die in der neueren frankokaribischen Literatur dekonstruiert wird, um neue Subjektpositionen zu besetzen und die Lebenswelt in einer selbstbestimmten Weise zu erzählen, wie es das Konzept der Créolité fordert. Dazu sind alternative Erzählweisen und Formen der Archivierung und Produktion von Wissen notwendig, die sich einerseits abwenden vom traditionellen Romanschema und der Reper­torisierung von Datenwissen und andererseits inspiriert werden von einem neuen Rekurs auf Texte und Prinzipien der Aufklärung. Diese veränderten Erzählweisen und Organisationsformen der Wissensproduktion im aktuellen frankokaribischen Roman sollen hier untersucht werden.

Auf der narratologischen Ebene fallen dabei die besonderen Erzählerpositionen und die Vervielfältigungen der Stimme ins Auge, die anhand der Konzepte des „unzuverlässigen Erzählers“ (Nünning 1998, Fludernik 2006, Kindt 2008) und des polyphonen Sprechens (Bachtin 1979, Kristeva 1978, Lachmann 1982) analysiert werden. Der Rekurs auf das 18. Jahrhundert findet sich in der Verarbeitung der Modelle des dialogischen bzw. des philosophischen Romans, der offenen gesprächsartigen Erzählweise wie z.B. in Diderots Jacques le fataliste et son maître (1784) oder anderen Formen der Subjektivierung und Dialogisierung der Rede anstelle der Omnipotenz eines auktorialen Erzählers (Darnton 1991). Die Figuren des mäandernden oder pluralen Erzählens finden sich in vielen Ausprägungen z.B. bei Patrick Chamoiseau als „marqueur de parole“ in Texaco (1992) oder in Bibliques des derniers gestes (2002), die gespaltene Erzählerin Mycéa in Glissants Romanwerk, das radikal subjektive Ich in Dany Laferrières Tout bouge autour de moi (2010), die vielfache Perspektive der erzählenden Frauen bei Yanick Lahens (La couleur de l’aube 2008), bei Gisèle Pineau in Mes quatres femmes (2007), bei Kettly Mars in Fado (2008), oder Je suis vivant (2015), bei Emmelie Prophète in Le testament des solitudes (2007) oder bei Mérine Céco (Pseudonym von Corinne Mencé-Caster) in La mazurka perdue des femmes-couresse (2013) und Au revoir Man Tine (2016), der doppelte Blick auf Geschichte bei Louis-Philippe Dalembert in L’autre face de la mer (1998a), oder das polyphone, chorale Erzählen weiblicher kollektiver Erinnerung an die Verschleppung im 18. Jahrhundert bei Fabienne Kanor in Humus (2006), um nur einige Beispiele zu nennen.

Es gilt weiter die Frage zu klären, welche Subjektpositionen mittels solcher Erzählhaltungen besetzt werden können und inwiefern diese zu einer postkolonialen Differenz-Ethik führen oder sogar sich zur Universalisierung in einem Humanitätsentwurf der Vielheit, der Tout-Monde, anbieten. Es muss gefragt werden, ob die pluralen und fragmentierten Sprechweisen subversive oder affirmative Funktion haben, ob sie Ausdruck eines dissoziierten Subjekts sind und/oder auch das Medium einer karibischen Gemeinschaft, die einer volonté générale Ausdruck geben undKonzepte des symbolischen oder realen Opfers des Einzelnen für die Gemeinschaft literarisch um­setzen und ihnen so die ungeschriebene Geschichte des Widerstands, die Utopien der Marrons-Gemeinschaften und die Episierung von Überlebensgeschichten und letztlich eine Revitalisierung des aufklärerischen Konzepts des homo politicus (ausgehend vom Sklaven als homo sacer, Agamben 2002) gelingt.

Die komplexe Schreibweise mit ihrer starken Fiktionalisierung, der Einbindung kreolischer mythischer Elemente, dem Wechsel der Sprach- und Stilebenen und der Nähe zum hispano-amerikanischen magischen Realismus dient ebenfalls, so eine weitere Hypothese, der Erzeugung von Alterität und anderem Wissen, das sich durch Opazität (Glissant 2005) und eine scheinbare Irrationalität auszeichnet. Die darin liegende Kritik am Axiom der clarté schließt an Condillacs Skepsis an, der neben der klaren Aussage auch das „clair-obscur“ eines „style suivant les sentimens qu’on éprouve“ sieht (Condillac 1795, 175f). Auch die fragmentierte aber durchaus realistische Des­kription des oft prekären Alltags von Edwige Danticat in Créer dangereusement (2010), von Louis-Philippe Dalembert in Le crayon du bon Dieu n’a pas de gomme (1996) oder von Emmelie Prophète in Le reste du temps (2010) oder von Kettly Mars in L’heure hybride (2005) und Aux frontières de la soif (2013) sind Beispiele eines solchen clair-obscur im aktuellen Roman.

Auf der Ebene der Wissensproduktion wird insbesondere die Grenze zwischen den historisch fassbaren Daten und den fiktionalen Elementen permanent verschoben, so dass in den Texten einerseits eine Sammlung und Auf­zeichnung von lokalem karibischen Wissen und Geschichtserfahrung stattfindet, die die offizielle Geschichts­schreibung und Wissenschaft nicht geleistet hat und auch nur bedingt leisten kann, und andererseits die Romane dynamische Szenarien der Wissensbildung und -organisation entwerfen, die auf orale Erzähltraditionen, vielstimmige Bürgschaften, wenig bekannte Quellen, Versatzstücke von Mentalitätsgeschichte, lokale Glaubensformen, Mythen und Praktiken etc. zurückgehen wie etwa bei Dany Laferrière in La fête des morts (2009), bei Raphaël Confiant in Ravines du devant-jour (1992), in Le Meurtre du Samedi-Gloria (1997) oder in Eau de Café (1991) u.a. Diese Situation des Sammelns von „Volkswissen“ in der Literatur hat einen enzyklopädischen Zug. Die Verfahren der fiktiven Oralität, der Multiperspektivität und der Kreolität sollen in den Texten genauer aufgespürt und beschrieben werden. Zum enzyklopädischen Zug gehören auch die Aktivitäten der Autoren, die Besonderheiten von kreolischer Sprache und Denkweise, Mythos und Erzählung durch Verschriftung zu bewahren und zu tradieren, allen voran Raphaël Confiant in seinen Dictionnaire des titim et sirandanes (1998), Dictionnaire des néologismes créoles und Dictionnaire créole martiniquais-français (2001 u. 2007) oder dem Le grand livre des proverbes créoles: Ti-pawol (2004), die in enger Verbindung mit der fiktionalen Produktion stehen.