Über das Projekt

Mit der erstmals transatlantischen Perspektive zur Wirkung der Aufklärung in der französischsprachigen Karibik, setzen wir das innovative Thema der Wissenszirkulation innerhalb der plurikulturellen Karibik ins Zentrum unseres internationalen Dialogs. Gesellschaftlich relevant sind diese Überlegungen auch für Europa vor dem Hintergrund seiner wachsenden kulturellen und sprachlichen Diversität. Die Grundannahme ist folgende: Die europäische Aufklärung wirkt auch jenseits von Europa und beeinflusst maßgeblich die politische und kulturelle Entwicklung postkolonialer Gesellschaften. Aufklärerische Ideen wurden und werden jedoch nicht einfach übernommen; vielmehr führ(t)en Transfer, Modifikation und Zirkulation dieser Konzepte bis heute zu besonderen Auswahlen, Adaptationen und Veränderungen, die wir anhand der neueren frankokaribischen Literatur untersuchen wollen. Die Aufklärung hat zunächst ihr revolutionäres Potenzial in den Dekolonisierungsbewegungen seit dem frühen 19. Jahrhundert entfaltet, sie zeigt aber auch nachhaltige Wirkungen in den Denkweisen und Literaturen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die daraufhin noch nicht untersucht wurden. Dieser langen, ambivalenten Wirkungsdimension der europäischen Aufklärung im imaginaire der frankokaribischen Gegenwartsliteraturen will das Projekt nachgehen. Ein besonderer Fokus liegt auf den letzten drei Jahrzehnten, in denen sich ein Re-Import der karibischen Kulturtheorien, Episteme und Literaturen nach Europa beobachten lässt, der zu einer Neubewertung der Aufklärung führen kann. Es wird pointiert dreierlei gefragt:

  1. Inwiefern entwirft die aktuelle frankokaribische Literatur – gerade auch in Abgrenzung zum Spanish American Enlightenment – neo-aufklärerische Konzepte? Welche Elemente bestimmen diese neo-aufklärerische Episteme?
  2. Inwiefern unterscheidet sich die Ideenzirkulation in den peripheren europäischen Überseedepartements (Martinique, Guadeloupe, Guyane) von jener in Haiti mit seiner außergewöhnlichen Unabhängigkeitsgeschichte?
  3. In welcher Weise wirkt eine solcherart transformierte Aufklärung von der Karibik nach Europa zurück und unterstreicht das Bild eines multiplen Europas mit unterschiedlichen Hierarchien?

Unser Projekt stellt die Wissensformationen und anthropologischen Denkweisen der europäischen Aufklärung in den Vordergrund unterteilt sich in vier Arbeitsbereiche: Neue Humanismen, Transformationen der Erkenntnistheorie, der Wissensorganisation und Glaubensformen. In der transatlantischen Beziehung Europa-Karibik sind die von den frankokaribischen Literaturen vorgeschlagenen neuen Entwürfe von universalem Menschsein und Kosmopolitismus zentral. Aber auch die Dynamiken der Erkenntnistheorie als einer Evidenz- und Klarheitssemantik mit ihren speziellen Transformationen sowie die Speicherungsweisen von Wissen und die synkretistischen und magischen Glaubensformen in den Erzählungen und deren Beziehung zur Aufklärung stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojekts. Da die Bandbreite der Transferweisen des aufklärerischen Denkens nicht nur als Ideentransfer zu verstehen ist, wollen wir auch deren Eindringen in die Praxis der Sprache und in die Strukturen der Darstellung und des Sprechens und Schreibens verfolgen, um die teils konzeptuellen und teils unbewussten Wirkungen der Aufklärung an die Oberfläche zu bringen. Die Einflüsse reichen sprachlich von der Nennung und der Zitierung der Lumières über die lexikalische und semantische bzw. intertextuelle Dimension bis zu den Diskursformationen der enzyklopädischen Archivierung, der Verweis- und Assoziationsstrukturen und der kreolischen Verschiebungen und Subversionen eines mündigen hybriden Sprechens. Daher erscheint uns eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von literatur-, sprach- und kulturwissenschaftlichen ForscherInnen in jedem Fall geboten. Das Projekt versteht sich als impulsgebender Beitrag zu einer Geschichte der transatlantischen Zirkulation von aufklärerischem Wissen sowie zu einer dekolonialen Wissenschaftsgeschichte.